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Dorf mit PhantaSien

Dorfkneipensterben-Klagelied

Ein Bier sagt mehr als 1000 Worte

Die aussterbende Dorfkneipe – Zuerst gehen die Geschäfte und Gaststätten, dann gehen die Menschen
– DIE RHEINPFALZ, Ausgabe Mittwoch, 18. Februar 2015 –

Ein Bier sagt mehr als 1000 Worte. Nirgendwo wird man so gut verstanden, ohne ein einziges Wort zu sagen, wie in seiner Stammkneipe im Dorf. Besonders dann, wenn es einem besonders schlecht geht. Man kann sich das als bühnenreifen Auftritt vorstellen, als Dramolett sozusagen:

Der Gast betritt mürrisch schweigend, wortlos und deshalb auch grußlos die Kneipe in seinem Heimatdorf. Die liegt strategisch günstig direkt neben der Kirche, weil die Menschen ja früher, als sie noch in die Kirche gingen, nach der Kirche zum Frühschoppen im Gasthaus einkehrten. Man musste sich sein sonntägliches Morgenbier – und die womöglich lautstarken Frühschoppen-Debatten – quasi verdienen, indem man zuvor still sitzend und vielleicht auch Buße tuend in der Kirche verharrte. Wobei die eifrigsten Frühschoppler irgendwann das meditative und spirituell aufgeladene Vorspiel ausfallen ließen und bei Skatkarten, Tabak und Bier gleich richtig zur Sache gingen. Und zu Hause wartete zusammen mit dem Sonntagsbraten so manche Familie auf ihr Oberhaupt.

Unser Laiendarsteller jedoch betritt am Abend die Kneipe. Zum Feierabendbier. So etwas gab es mal, als man sich noch nicht in jedem Supermarkt mit 45 Gerstensaftsorten eindecken konnte und die Menschen auch noch ungefähr zur selben Zeit Feierabend hatten. Man traf sich nach getaner Arbeit und fühlte sich geborgen im Kreis der Gleichgesinnten, die zwischen letzter Amtshandlung am Arbeitsplatz und dem Abendbrot in trauter Runde das eine oder andere Bierchen, das eine oder andere Viertel Wein, einschoben. Das galt für die Eckkneipen in den Städten vielleicht noch mehr als für die Dorfkneipen. Und ein Sonntagsbraten konnte glücklicherweise ja auch nicht anbrennen – an einem schnöden Mittwochabend.

Hier ist der Wirt, dein Freund und Helfer, derjenige, der die Kommunikation beginnt. Wortkarg auch er, auf das nötigste sich besinnend und beschränkend: „Wie immer?“ Als Antwort erfolgt allenfalls ein stummes Nicken. Die Bürde des Alltags lastet an diesem Abend zu schwer auf den Schultern unseres Dorfkneipen-Stammgastes. Doch während er zu Hause den bohrenden Fragen nicht hätte ausweichen können – und er, wäre er ein Digital-Native, was er aber nicht ist, eigentlich doch ständig in einem sozialen Netzwerk seinen Gemütszustand-Status Posten müsste – kann er hier einfach nur eine Gemeinschaft für sich beanspruchen, ohne aktiv an ihr teilnehmen zu müssen. Die nächsten Biere werden wortlos aufgefüllt. Am Stammtisch hinter ihm geht es hoch her, und wer weiß, vielleicht zu vorgerückter Stunde, wenn sich die psychische Düsternis etwas gelichtet hat, finden wir ihn als Teil einer Solidargesellschaft, die viel gibt und fast nichts verlangt: einfach nur mitreden, mittrinken. Dabei sein.

Die Dorfkneipe ist – dort, wo es sie noch gibt, – ein wichtiges Kommunikationszentrum. Mitunter das einzige in einer Dorfgemeinschaft. Eine Art zweites Zuhause, indem sich die Sorgen des Alltags hinter dem Tabaknebel verstecken können. Allerdings darf ja schon lange nicht mehr geraucht werden, weder auf dem Dorf, noch in der Stadt. Rauchende ehemalige Kneipengänger haben den eigenen Balkon oder Vorgarten für ihre Sucht entdeckt, und der Kneipe geht es immer schlechter. Nicht zuletzt auch, weil es keinen Nachwuchs gibt. Da geht es den Wirten nicht anders als den Bäckern und Metzgern auf dem Dorf. Man wollte doch, dass es den Kindern einmal besser ergehen sollte, weshalb man intensiv in Bildung investiert hat. Doch wer übernimmt mit Abitur schon eine Metzgerei, eine Bäckerei oder eben eine Kneipe?

Doch wenn die Kneipen und Geschäfte gehen, dann gehen irgendwann auch die Menschen. Zurück bleiben überalterte Dorfgemeinschaften. Sozialstationen ziehen in leerstehende Geschäftsräume, Betreutes Wohnen verspricht eine großartige Zukunft. Vielleicht findet sich noch ein nobler Landgasthof mit sterneverdächtiger Küche. Zum Feierabendbier lädt der jedoch nicht ein. Den örtlichen Vereinen geht der Probenraum verloren, und sie müssen sich mit Vereinsheimen behelfen, die jedoch das Kneipensterben nur noch beschleunigen. Doch oftmals sind die ehrenamtlichen Wirte in solchen gemeinnützigen Kneipen die letzte Rettung, die letzte Anlaufstelle – für die wenigen, die noch da sind und dem Dorf noch nicht den Rücken gekehrt haben.

Der letzte Akt unseres Dramoletts wechselt dann nochmals den Schauplatz. Es ist zugleich auch der erste Auftritt für die Gefährtin unseres Helden. Der muss spätestens jetzt aus dem Modus der nonverbalen Kommunikation herauskommen. Schließlich hat er einiges zu erklären. Mal wieder.

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